Der unsichtbare Kollege: Künstliche Intelligenz
von Tanja Huber
Der unsichtbare Kollege: Künstliche Intelligenz
Sind Sie sich überhaupt bewusst, wie oft einem Durchschnittsverbraucher heutzutage über einen normalen (Arbeits-)Tag Künstliche Intelligenz (KI) begegnet? Es ist weit mehr, als man ursprünglich annehmen würde? Sehen wir uns doch mal ein Beispiel an!
In unserem Beispiel ist das hier unser Otto Normalverbraucher: Im Alter zwischen 30 und 40 Jahren, da diese Altersgruppe Technologie-kompetenter ist und Apps, Streaming als auch Smart Home verwendet. Aber bereits wirtschaftlich etabliert, sodass unser Otto sich diese Geräte und Services auch leisten kann. Wir nehmen an, dass er sowohl Smartphone- als auch Smartwatch-Besitzer ist.
Unser Beispiel-Kollege ist ein Büroangestellter (ob Marketing, Vertrieb, IT, usw. ist für unser Beispiel mal nicht von Bedeutung), der täglich von seinem Wohnort zu seinem Arbeitsplatz pendelt. Für unser Beispiel verfolgen wir Otto an einem normalen Arbeitstag, aber er freut sich bereits auf seinen nächsten Urlaub.
Somit haben wir unseren generischen Charakter, mit dem wir durch unseren Beispiel-Tag gehen werden.
06:00 Uhr
Otto wird sanft aufgeweckt - basierend auf Daten seiner KI-Schlafanalyse, die seinen Zyklus gelernt und basierend darauf eine Voraussage für die ideale Schlafphase zum Wecken erstellt hat.
Seine Smartwatch trackt seine Schlafphasen und sammelt diese Daten.
07:00 Uhr
Otto sitzt am Frühstückstisch und während er isst, fragt er seinen Sprachassistenten der Wahl, wie das Wetter sich heute und im Lauf der Woche entwickeln wird - er freut sich schließlich schon auf seinen bevorstehenden Urlaub und wünscht sich dafür gutes Wetter.
Die KI, die hierbei zum Einsatz kommt, verbessert nicht nur die Rohdaten und erkennt komplexe Muster (u.A. auf der Grundlage historischer Daten), sondern gibt die Ergebnisse auch lokal präzise aus. Dadurch wird die Wettervorhersage erheblich beschleunigt und vereinfacht.
07:30 Uhr
Auf dem Weg zur Arbeit nutzt Otto einen KI-Routing Algorithmus, um die schnellste Route zu seinem Ziel basierend auf Echtzeitdaten zu erhalten. Während er fährt, lässt er Lieder basierend auf KI-Empfehlungen im Musikstreaming-Dienst seiner Wahl laufen, die ihm den “passenden” Song vorspielen.
Zwischendrin lässt Otto sich durch seinen Sprachassistenten seine heutigen Termine aufzählen, damit er sich bereits geistig darauf vorbereiten kann.
09:00 Uhr
Während Otto konzentriert arbeitet, bewahrt ihn sein KI-Spam-Filter vor 99 % der unerwünschten E-Mails, die sonst seinen Posteingang überfluten würden.
Beim Schreiben seiner Mails unterstützt ihn die KI-Textvorhersage, indem sie die nächsten Worte vorschlägt. Da Otto mit seinen Formulierungen aber immer noch nicht ganz zufrieden ist, lässt er die KI seinen Text umformulieren, bis er mit dem Ergebnis zufrieden ist.
12:30 Uhr
Es ist Zeit für Ottos Mittagspause. Heute geht er wieder zu seinem Lieblingsbäcker, wo er erneut mit Künstlicher Intelligenz in Berührung kommt. Der Bäcker nutzt einen Algorithmus, der basierend auf Wetterdaten, Wochentag und historischen Verkaufszahlen die Tagesproduktion optimiert und somit Abfall minimiert. Er zahlt sein Essen kontaktlos mit seiner Karte, wobei im Hintergrund eine KI-gestützte Betrugserkennung durchgeführt wird. Diese analysiert das normale Kaufmuster und entscheidet, ob eine Transaktion ungewöhnlich ist.
15:00 Uhr
Otto nimmt sich ein wenig Zeit für eine kleine Online-Recherche für sein Traumurlaubsziel. Seine Suchergebnisse sind basierend auf früheren Suchanfragen und seinen Daten (z.B. Alter, Standort, besuchte Webseiten) angepasst. Beispielsweise hatte er in früheren Suchanfragen teurere Hotels bevorzugt - somit werden ihm diese nun zuerst vorgeschlagen.
Beim Öffnen des ersten Suchergebnisses stößt Otto auf KI-gesteuerte, personalisierte Werbung. Auch die angezeigten Preise für die Reisen wurden in Echtzeit analysiert, um ihm die beste und günstigste Option anzubieten.
18:00 Uhr
Otto schließt seine Arbeit ab und beschließt, vor der Heimfahrt noch schnell ein paar Lebensmittel einzukaufen und sucht seinen nächsten Supermarkt auf. Dort finden KI-gestützte Kassensysteme und Inventur-KIs Einsatz, um die Regale stets optimal gefüllt zu halten und alle Waren verfügbar zu machen.
20:00 Uhr
Um seinen Abend abzurunden, will Otto einen Film bei seinem Lieblings-Streaming-Dienst ansehen. Die KI-Empfehlungs-Engine schlägt ihm direkt eine Liste mit auf seinen bisherigen Sehgewohnheiten basierenden Filmauswahl vor. Am Ende wählt er einen Film aus, der an seinem Urlaubsziel spielt, um sich so auf seine Reise einzustimmen.
Man sieht: An mehreren Stellen von Ottos Alltag gibt es KI, die man im ersten Moment nicht erwarten würde oder auf die Otto gar keinen Einfluss hat. Vielerorts macht künstliche Intelligenz seinen Alltag einfacher, ohne dass Otto das überhaupt wahrnimmt. Das zeigt, wie tief KI bereits in unserem täglichen Leben verwurzelt ist und gar nicht mehr wegzudenken ist.
Neben Otto gibt es viele Mitarbeiter und Kollegen, die sich bewusst für den Einsatz von KI entscheiden und mit vollem Bewusstsein diverse Chatbots nutzen (und nutzen wollen), um ihre Arbeit zu erleichtern. Viele Unternehmen zögern allerdings noch mit einer (geregelten) Einführung von KI, wodurch viele der Kollegen privat und ohne Wissen des Unternehmens KI nutzen, die potentiell eine große Sicherheitslücke für das Unternehmen darstellen könnte. Denn der einzelne Mitarbeiter ist sich der Auswirkungen der Nutzung von KI auf den Datenschutz und die IT-Sicherheit eines Unternehmens oft nicht bewusst und denkt auch nicht darüber nach - das ist auch nicht seine Aufgabe. Diese Verantwortung liegt beim Unternehmen selbst.
Allein beim Beispiel von Otto kann man bereits einige potentielle Sicherheitslücken finden, so unwahrscheinlich sie vielleicht sein mögen. Sehen wir uns schnell 2 Fälle an:
- Seine Smartwatch sammelt eine Unmenge Daten über ihn, die bei einem Hack (den man nie vollkommen ausschließen kann) Angreifern detaillierte Einblicke in seine Anwesenheitszeiten, Tagesstruktur und seinen Standort ermöglichen. Diese Informationen können für Social-Engineering-Angriffe gegen ihn oder sein Unternehmen missbraucht werden.
- Während der Fahrt greift Otto über den Sprachassistenten seines privaten Smartphones auf seinen geschäftlichen Kalender zu. Da er während der Fahrt nicht lesen kann, lässt er sich alle Termine vorlesen. Termine könnten dabei sensible Namen wie „Strategiemeeting mit Kunde X“ haben. Sollte die Aufzeichnung oder das Protokoll des Sprachassistenten gehackt werden, würden vertrauliche Geschäftsinformationen über einen nicht autorisierten, privaten Kanal offengelegt.
Potenzial allein garantiert nicht, dass ein Risiko zur Realität wird. Es braucht allerdings nur einmal etwas schiefgehen, um weitreichende Konsequenzen mit sich ziehen. Ein bewusster und geregelter Umgang mit Künstlicher Intelligenz ist somit stets vorzuziehen, um mögliche negative Auswirkungen zu minimieren und die Vorteile dieser Technologie optimal zu nutzen. Es ist sehr zu empfehlen, proaktiv mögliche Risiken zu identifizieren, zu bewerten und Strategien zu entwickeln, damit umzugehen.
Doch wie schafft man das?
Zunächst einmal: Von einem Verbot für die Nutzung von KI sollte abgesehen werden, denn diese führen oft nur zu einer heimlichen und unkontrollierten Verwendung. Verbote führen nur zur Nutzung des Verbotenen in ungeregelten Ausmaßen. Die Mitarbeiter, welche KI nutzen, wollen zudem die Vorteile von KI nutzen. Durch eine Entlastung von repetitiven Aufgaben durch KI gewinnen sie wertvolle Zeit für anspruchsvollere und kreativere Tätigkeiten. Und: Unternehmen, die KI meiden, schließen sich von Effizienzgewinnen aus und riskieren, von agileren Wettbewerbern überholt zu werden.
Doch was tut man da jetzt nun?
Das Unternehmen muss klare Regeln und Richtlinien definieren, an denen sich die Mitarbeiter orientieren können. Dadurch wird nicht nur ein transparentes Arbeitsumfeld geschaffen, sondern auch die Effizienz und Konsistenz der Arbeitsabläufe gefördert. Wenn Mitarbeiter wissen, welche Verhaltensweisen im Unternehmen gewünscht sind und welche Produkte genutzt werden können, können unerwünschte Folgen und Fehlverhalten verringert werden.
Beispiele für eine unternehmensweite Strategie für KI könnte folgendes sein:
- Die Einführung eines “KI-Führerscheins” bzw. einer Schulung oder Zertifizierung, der den Mitarbeitern das nötige Wissen und die Fähigkeiten vermitteln soll, KI sicher und effizient im Arbeitsalltag zu nutzen.
- Das Etablieren einer offenen Kommunikationskultur, in der Mitarbeiter ermutigt werden, Fragen zu stellen und ihre selbst entdeckten Tools der IT-Abteilung für eine Abklärung zu melden.
- Das Definieren einer Whitelist an genehmigten KI-Tools (z.B. eine gesicherte interne Unternehmens-KI) und ein explizites Verbot der Nutzung ungesicherter, öffentlicher Modelle.
- Die Nutzung eines Vier-Augen-Prinzips bevor etwas von einer KI generierter Inhalt verwendet oder gar veröffentlicht wird.
- Das Einrichten eines interdisziplinären Teams (IT, Recht, Fachbereiche), das Tools prüft, freigibt und sicher bereitstellt.
Künstliche Intelligenz ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken, wie Ottos Beispiel zeigt. Sie ist bereits fest in unser Leben und unseren täglichen Abläufen integriert. Anstatt sich ihr zu widersetzen, sollte KI strategisch genutzt werden. Die Frage ist nicht mehr, ob KI eingesetzt wird, sondern wie. Es ist entscheidend, diese Frage nicht dem Zufall zu überlassen, sondern sich aktiv mit den Möglichkeiten und Herausforderungen auseinanderzusetzen, um ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Handeln Sie jetzt und überdenken Sie Ihre Strategien - denn KI ist längst im Haus.
Quellen und weiterführende Informationen
Ein besonderes Highlight:
Alle Abbildungen dieses Beitrags wurden mit viel Talent und Hingabe von der Autorin selbst entworfen und gezeichnet.